Equine Complex Vertebral Malformation (ECVM) – Klinische Relevanz oder radiologischer Zufallsbefund?

Fällt beim Röntgen der Halswirbelsäule das Wort **ECVM** (Equine Complex Vertebral Malformation), sorgt dies in der Pferdewelt regelmäßig für Verunsicherung. Im Internet liest man schnell Schauergeschichten von unreitbaren Pferden, plötzlicher Ataxie und erzwungener Frührente.
Anatomische Grundlagen
ECVM beschreibt eine anatomische Variation am Übergang der Hals- zur Brustwirbelsäule. Neuste wissenschaftliche Studien und veterinärmedizinische Stellungnahmen zeigen jedoch deutlich: der Befund darf nicht pauschal mit einer Erkrankung gleichgesetzt werden denn in vielen Fällen führt dieser zu keinerlei klinischen Einschränkungen.
Deshalb präferiert die Gesellschaft für Pferdemedizin (GPM) den Begriff ECCMV (Equine Caudal Cervical Morphologic Variations). Denn die Bezeichnung „Malformation“ impliziert fälschlicherweise eine pathologische Störung obwohl es sich primär um eine morphologische Variation (meist am 6. und 7. Halswirbel sowie der ersten Rippe) handelt. Hierbei sind Teile der Knochenstruktur (z. B. die Ventrallamina) asymmetrisch oder unvollständig ausgebildet (Fotos). Da hier wichtige Muskelgruppen ansetzen, verändert sich die biomechanische Statik des Halses.
Untere Halswirbelsäule


Stern: Ventrallamina des 6. Halswirbels (C6). Pfeil: 7. Halswirbel (C7). a) Keine Variation C6/C7. b) Einseitige (unilaterale) Variation: C6 hat nur eine Ventral lamina (Stern). C7 (Pfeil) andere Morphologie mit nach unten gerichtetem Knochenvorsprung. Variation is auch Beidseitig (bilateral) möglich (Veraa et al., 2019).
Wissenschaftliche Studienlage
Dass eine radiologisch nachgewiesene ECCMV nicht zwangsläufig mit klinischen Symptomen oder Leistungseinbußen korreliert, untermauern diese zentralen Studien:
Eine in 2026 durchgeführte Prävalenzstudie an 200 Warmblutpferden im Rahmen von Kaufuntersuchungen zeigte, dass rund 30 % der untersuchten Pferde ECCMV-Veränderungen aufwiesen. Die Pferde wurden jedoch als gesund eingestuft und statistisch gesehen gab es keinen Zusammenhang zwischen einer Leistungsminderung und ECCMV (Preiß et al., 2016).
In einer zweiten groß angelegten Studie wurden Pferde mit neurologischen oder orthopädischen Symptomen der Halswirbelsäule mit einer gesunden Kontrollgruppe verglichen. Das überraschende Ergebnis: ECCMV kam bei den symptomfreien Pferden der Kontrollgruppe öfter vor (38 %) als bei den Pferden mit klinischen Symptomen (23,7 %) (Veraa et al., 2019).
Faktoren für die Kompensation
Ob ein Pferd mit ECCMV symptomfrei bleibt oder klinische Auffälligkeiten (wie Ataxien, Rittigkeitsprobleme oder Halssteifigkeit) entwickelt, hängt von sekundären Faktoren ab:
Muskuläre Kompensation: Ein pferdegerechter Muskelaufbau kann die veränderten Muskelansätze und die veränderte Statik der Halsbasis oft lebenslang kompensieren.
Biomechanische Belastung: Korrektes, die Rumpfträgermuskulatur aktivierendes Training stabilisiert das Gesamtsystem und verhindert Überlastungen.
Sekundäre Pathologien: Klinische Symptome manifestieren sich meist erst dann, wenn infolge der veränderten Statik sekundäre Prozesse wie Arthrosen der Facettengelenke (APJ) auftreten oder Nervenwurzeln komprimiert werden.
Fazit für die Praxis
In der modernen Pferdemedizin gilt: Behandelt wird der Patient, nicht das Röntgenbild. Ein radiologischer ECCMV-Befund ohne klinisches Korrelat ist ein reiner Zufallsbefund. Er erfordert kein therapeutisches Eingreifen, sondern lediglich ein vorausschauendes, korrektes Trainingsmanagement, um die Stabilisierung des Hals-Rumpf-Übergangs langfristig zu sichern.
Preiß, C., Rombach, N., & Lischer, C. (2026). Radiographic Prevalence of Anatomical Variations in the Caudal Cervical Vertebrae of Warmblood Horses and Their Association with Career Performance. Animals, 16(3), 412
Veraa, S., de Graaf, K., Wijnberg, I.D., Back, W., Vernooij, H., Nielen, M. and Belt, A.J.M. (2020), Caudal cervical vertebral morphological variation is not associated with clinical signs in Warmblood horses. Equine Vet J, 52: 219-224.

